Gestern war hier nach anfänglich bedecktem Himmel ein richtig schöner, sonniger Tag. Von Pucón bin ich ja mittlerweile ca. 1300 km Richtung Norden entfernt, aber ohne Sonne ist es dann doch schattig. Da bin ich dann auch nochmal einen Moment Richtung Meer gegangen, das ja direkt vor dem Platz liegt.

Die Vögel warten hier immer auf die Wellen, laufen mit den Wellen hin und her – mitunter wird auch drauf gesurft, aber das konnte ich mittels Foto nicht einfangen – und schnappen sich dann kleine Krebse. Schaut ganz witzig aus, kann man mal einen Moment zuschauen.

Ich war dann gestern mit Carlos noch kurz im Ort einkaufen. Zwar habe ich momentan soweit alles, da ich tags zuvor im Acuenta in Coquimbo einkaufen war, aber das Brot aus dem Acuenta ist von der Form und Konsistenz eher so eine Art Puck (Eishockey). Damit kann man bestimmt auch bei Bedarf Menschen (oder Tiere) erschlagen. Nur dass das halt Brotfarbe hat. Ansonsten ist die Kette Acuenta hier in Chile ganz praktisch, so eine Art Discounter, vergleichbar zu Aldi in den früheren Jahren (offene Papkartons überall etc.). Ich war also Brot kaufen.
Carlos hat mir dann noch ein wenig von dem Ort erzählt. Das ist die reinste Touri-Gegend, was man auch an den ziemlich sportlichen Preisen merkt. Vor einigen Wochen waren die Leute hier noch etwas krasser hinsichtlich Corona eingestellt: Da wurden wohl auch hin und wieder die Scheiben von Autos eingeschlagen oder eingeschmissen, die hier ortsfremd waren und im Ort geparkt haben. Mittlerweile hat man aber wohl gemerkt, dass der Ort ja vom Tourismus lebt. Angst und partielle Dummheit …
Auf dem Rückweg bekam dann Carlos von seinem Chef einen Anruf (der Kontrollbär), in dem er ihm unter anderem gesagt hat, dass es Sturm und Regen gäbe. Daher alles soweit sicher machen. Er hat ihm noch ganz viele andere Dinge erzählt, die von Carlos regelmäßig mit einem “Si, claro, si, claro” kommentiert werden. Kontrollbär halt. Ich habe jedenfalls mal bei mir auf der Wetterapp geschaut: Etwas Regen, leichter Wind. Aha. Na dann ist ja alles schick.
Im Verlaufe des Abends (Wetter weiterhin prima) habe ich dann nach mehrmaligem Hin- und Herüberlegen doch entschieden, dem Panzer ein Häubchen aufzusetzen. Zwar soll der hier unten arbeiten und darf auch mal umfallen, aber er muss ja nicht unnötig leiden. Zumal alles, was aus Richtung Meer kommt, ja auch salzhaltiger ist. Muss nicht sein. Also Haube drüber.
Mein Abendprogramm war irgendwann fertig, Luken dicht und ab in den Schlafsack.
Da ich grundsätzlich häufiger mal wach werde, habe ich schon mitbekommen: Jawoll, da regnet es und der Wind bemüht sich auch. Nun denn. Umdrehen, weiterschlafen.
Als kleine Bemerkung vorab: Ich habe das Zelt falsch herum aufgebaut. Das heißt, das Zelt hat eine Windseite. Ich wollte aber gerne die andere Seite mit meinem “Wohnraum” Richtung Meer haben. Soviel vorab: Blöde Idee. Machen wir zukünftig nicht mehr.
Und dann ging der Spaß los. Das Ergebnis sieht man schon hier aus der Ferne: Links der Panzer mit dem Häubchen, aber rechts passt irgendwas nicht. Das Foto habe ich natürlich später aufgenommen:

Etwas näher sieht man das ganze Elend:

Und das Ganze begab sich dann so:
So irgendwann um ca. 4 Uhr, vielleicht halb fünf hat sich mit einem Wumms die gesamte Front mit dem gesamten Wohnraum in die Luft gehoben. Falls jemand Probleme mit dem morgendlichen aus dem Bett kommen hat: So ist man sofort auf den Beinen. Garantiert!
Noch im Schlafsack liegend prasselte schon der Regen auf mich ab. Raus aus dem Schlafsack, raus aus dem Schlafraum, rein in die Schlappen. Und so stand ich da dann im Sturm und den Wassermassen, in Unterhose, T-Shirt und Longsleeve (wegen der Kälte nachts) – und Schlappen – und habe mehrere Male versucht, die komplette Front wieder in die ursprüngliche Position zu bekommen. Das heißt mit beiden runden Stangen so aufrecht stehend, sodass der ursprüngliche Vorderraum wieder “entsteht”.
Absolut keine Chance. Der Wind war viel zu heftig.
Okay. Andere Plan. Mittlerweile natürlich komplett durchgenässt. Dann habe ich versucht, einfach die komplette Front, d.h. die beiden Stangen nach vorne auf den Boden zu legen. Das hat geklappt und sofort auch besser “gehalten”, da der Wind kaum noch Angriffsfläche hatte. Die beiden Koffer vom Panzer geschnappt und vorne auf die Stangen gestellt. Dazu dann noch ein paar große Steine und ebenfalls auf die Stangen gestellt. Das sieht man so dann auch oben auf den beiden Fotos.
Dann fix die “Reste” aus dem Vorderraum da oben untergestellt.

Ich konnte weder meinen Stuhl, noch meine Regen- und meine Daunenjacke finden. Ich bin schon davon ausgegangen, dass das Zeug weggeflogen ist. Glücklicherweise habe ich dann später bei Tageslicht gesehen, dass alles vorne unter der Zeltplane vergraben war.
Nachdem das soweit untergestellt war, ging es in Schlappen und sommerlicher, aber gut genässter Kleidung vorne zu Carlos Unterkunft. Lautes Rufen und Klopfen konnte aber leider nichts bewirken. Und so stand ich dann da. Im Wind und Regen. Schlappen und Co …
Der Raum oben war keine Option, weil er ja voll im Wind stand. Dann fielen mir die Dusch-/Toilettenräume ein. Die haben zwar oben Durchzug, haben aber auch ein Dach und sind unten zumindest rundherum geschlossen. Weniger Wind = weniger kalt. Also rein da und mich da hingestellt. Die nächsten 30 bis 45 Minuten habe ich dann mit irgendwelchen Bewegungen verbracht, um irgendwie warm zu werden. Bis ich dann auf die Idee kam, dass ja eventuell warmes Wasser da ist. Ausprobiert, jawoll, warmes Wasser kommt. Traumhaft. Also Wasser marsch und rein in diese kleine Duschwanne, die zum Glück relativ hoch ist:

Da hab ich dann nochmal vielleicht eine Stunde oder länger im warmen Wasser gesessen und überlegt, was ich machen könnte. Da es weiter ziemlich gegossen hat und der Wind noch ziemlich kräftig war, wollte ich auch nicht wieder am Zelt rumrühren, damit es im Idealfall im Innenraum keine großartige Überflutung gibt und die ganzen elektronischen Dinge kaputt gehen oder allgemein die Sauerei noch größer wird. Und auch wenn von oben immer etwas Regen runterkam: Immerhin war es halbwegs warm.
Irgendwann kam dann die Dämmerung und etwas später dann volles Tageslicht. Ich habe mir dann neben meinen nassen Klotten noch den Duschvorhang als Regencape geschnappt und bin so dann über den Platz. Einerseits wollte ich schauen, ob ich den Stuhl und die Jacken irgendwo finde (ich dachte da ja noch, dass der Wind die Sachen weggetragen hätte), andererseits wollte ich mir das gesamte Elend bei Tageslicht anschauen. Mr. Showerman rannte so also in seinem Duschvorhang-Superherocape, Unterhose und Badeschlappen über den Platz. Das muss ziemlich lustig ausgesehen haben.
Abschließend bin ich vorne nochmal Richtung Unterkunft von Carlos und da fiel mir der Raum auf/ein, in dem auch “mein” Kühlschrank steht:

Der ist ja doch nochmal dichter als die Dusch-/Toilettenräume. Also rein da und siehe da, es gab sogar Handtücher und Decken in dem Raum. Also Kleidung gewechselt, Duschvorhang-Superherocape abgelegt und ab in Handtuch und Decke. So habe ich dann da auch nochmal vielleicht eine Stunde verbracht. Jetzt aber relativ warm und trocken.

Das Cape:

Irgendwann hörte ich dann jemanden draußen und bin nochmal Klopfen und rufen gegangen.
Carlos war wach, hat mich gehört und wir sind dann los und haben die Sachen aus dem Zelt in eine der Hütten hier gebracht. Ich in Hochwasserhose und halb bauchfreier Jacke (da Carlos mir ein paar Sachen gegeben hat und er doch deutlich kleiner ist). Jetzt sitze ich in der Hütte und freue mich, dass offensichtlich soweit alles heile geblieben zu sein scheint.

Das Innenleben vom Zelt hab ich schon mal mitgenommen, der Rest liegt aktuell noch oben genauso, wie auf den Fotos weiter oben. Sobald das Wetter hier passend besser wird, wird der ganze Kram wieder hochgestellt, damit alles trocknen kann. Und wenn ich Glück habe, ist das Zelt vielleicht sogar heile geblieben. Wir werden sehen.
So oder so: Wenn ein Zelt eine spezielle Windseite hat, werde ich das zukünftig auch so aufbauen.
Was für ein Start in den Tag …
Irgendwann wird man sich auf diesem Campingplatz erzählen:
Manchmal, in stürmigen Nächten, wenn der Wind den Regen über den Platz peitscht und das schäumende Meer über den Strand kommt und den Sand mit sich reißt, dann läuft hier ein Gringo in Unterhose, Badeschlappen und Duschvorhang über den Platz. Immer auf der verzweifelten Suche nach einem trockenen und warmen Ort. Haltet die Türen eurer Hütten geschlossen und löscht das Licht. Und manchmal, wann man ganz genau hinhört, kann man ihn zwischen dem pfeifenden Wind fluchen hören, begleitet vom *schlappschlappschlapp* der Badelatschen und dem knartschenden Sand …
Oder so.
Aber ihm hier geht es glaube ich gut und das ist ja die Hauptsache 😉

Wahnsinn! ? Und: Da es halbwegs glimpflich ausging: ? Sehr schön beschrieben, habe mehrere zeitlose Bilder im Kopf! ?
Ja, im Nachgang ist das alles recht lustig. Insbesondere natürlich, da nichts weiter passiert ist und soweit scheinbar wirklich garnichts beschädigt wurde. Gleichzeitig ist auch viel trocken geblieben, d.h. es stand auch keine große Wasch- und Reinigungsaktion an. Lediglich das Zelt selber, das Innenleben, ein paar Kleinigkeiten und die Daunenjacke müssen/mussten trocknen und von etwas Sand bereinigt werden. Das war dann aber auch schon alles. Umgekehrt aber auch: Wäre ich irgendwo in Strandnähe am Wildcampen gewesen, das hätte auch ins Auge gehen können oder zumindest mal eine solide Erkältung nach sich ziehen können. Ab jetzt wird das Zelt immer richtig aufgebaut, dann passiert sowas vermutlich eher nicht mehr. Und wenn doch, dann fackel ich nicht mehr lange und schnappe mir direkt einen Duschvorhang 😉
Und noch dazu: Ich habe mir schon gedacht, dass alleine die Hotelaktion in Cartagena und dieses kleine Abenteuer hier dafür gesorgt haben, dass sich die Weiterreise aus Constitución gelohnt haben 😉